Der Graf vom Bornberge

Wüstefeld:  Sagenschatz des Untereichsfeldes

In jener Zeit, als der Rhumesprung noch von Nixen und Nymphen bewohnt war, erhob sich auf dem nahen Bornberge, von tausendjährigen Eichen umgeben, ein stattliches Schloß mit kühnen Zinnen und schlanken Türmen.

Es wurde bewohnt von einem jungen Grafen, dessen sündhafter Hochmut und Stolz in der ganzen Umgegend sprichwörtlich geworden war. Er war ein Meister im Reiten. In seinem Marstalle standen die auserlesensten Pferde, und es schmeichelte seinem Stolze, daß weit und breit in dieser Hinsicht es niemand ihm gleichtun konnte.

Sein Lieblingstier war ein prächtiger Rapphengst, mit dem er schon die tollkühnsten Ritte und Sprünge vollführt hatte. Sahen ihn die Leute mit diesem Tiere daher sausen, so wichen sie ihm, so schnell sie konnten, ängstlich aus dem Wege.

Eines Tages ritt der Graf mit seinem Rappen durch das Dorf. Auf der Straße spielte ein Rudel Kinder. Kaum wurde der Reiter ihrer ansichtig, so gab er dem Hengst die Sporen, daß dieser in weitem Satze über die Schar dahin sprang. Die Kinder schrien auf und stoben auseinander. Jedoch ein Mädchen lag blutend am Boden; es war von den Hufen des Rosses an der Stirn getroffen. Schnell stürzte die Mutter des Kindes herbei und hob es auf. Wie Hilfe suchend sah die Kleine mit brechenden Augen nach der Mutter und verschied nach kurzer Zeit.

In dem selben Augenblick kam der Graf zurück, und als er merkte, was er angerichtet hatte, zog er einen Beutel mit Gold aus der Tasche und warf ihn der Mutter vor die Füße. Sie stieß jedoch das Geld zurück, verfluchte den Grafen und rief: "Der Himmel versage euch Vaterfreuden und bestrafe euch mit einem jähen Tode!"

Nach einiger Zeit führte der Graf die Tochter eines vornehmen Ritters als Gemahlin heim. Die junge Frau war von edler Gesinnung und eine Zeitlang schien es, als ob sie günstig auf den hochfahrenden Sinn ihres Gatten einwirke. Aber die Freude und Wonne einer Mutter sollte sie nie fühlen lernen. Das erbitterte die Seele des Grafen: erwurde verschlossenen Sinnes und noch stolzer als vorher.

Einmal hatte er viele Ritter von nah und fern zur Jagd eingeladen, die am dritten Tage mit einem großen Gelage beendet wurde. Rund kreisten die Pokale, heiter und aufgeräumt wurden die Mannen an der Tafelrunde. Es kam das Gespräch auf den Marstall des Grafen, und er wurde über die Maßen gelobt.

Jedoch einer der Jagdgäste widersprach. Er bezweifelte, daß der Rapphengst solche gewaltigen Sprünge ausgeführt hätte, wie der Graf behauptete. Beleidigt und in stolzem Übermut rief der Schloßherr seinen Reitknecht herbei und befahl ihm, den Rapphengst zu satteln. Allsogleich vollzog der Diener den Befehl seines Herrn und führte das Roß vor die Terasse des Schlosses. Gespannt harrten die Jagdgäste der Dinge, die da kommen sollten.

Plötzlich stürzte die Gräfin aus dem Schlosse und warf sich ihrem Gemahl an die Brust. Sie flehte ihn weinend an, doch ja nicht fortzureiten, denn es peinige sie die Ahnung von einem bevorstehenden Unglück. Der Graf jedoch, erhitzt vom Wein, stieß sie roh von sich. Dann schwang er sich blitzschnell auf sein Roß, das vor Lust hell aufwieherte. Grausen erfaßte die Gäste, da sie sahen, daß er an den Rand des Rhumesprungs ritt. Der Hengst fing an zu schnauben, als er die brodelnden Wassermassen sah. Der Graf klopfte dem Tier den Hals und sprach ihm beruhigend zu. Dann ritt er einen Pfeilschuß von dem Wasser weg, gab dem Hengst die Sporen und in sausendem Galopp ging es der gewaltigen Wassermasse zu. Aber der der kühne Sprung mißlang! Roß und Reiter überschlugen sich und fuhren in die Tiefe.

Ein Schrei wie aus einem Munde durchzitterte die Luft. Die Zuschauer eilten herbei, um zu retten, aber der Graf war und blieb verschwunden.

Die Jagdgäste ritten heim. Die Gräfin war untröstlich über den Verlust ihres Gatten, dem sie in selbstloser Liebe zugetan war. Sie ließ einen Taucher kommen und versprach ihm großen Reichtum, wenn er die Leiche des Grafen an das Tageslicht fördere. Der Taucher wagte das gefährliche Unternehmen und verschwand auf Nimmer wiedersehen in den grundlosen Wasserfluten. Da härmte sich die gute Gräfin noch mehr als bis her. Sie zog sich von der Welt zurück und verwandte ihre Güter zum Wohltun.

Die Burg auf dem Bornberge zerfiel im Laufe der Zeiten. Vereinzelt liegende Ziegelstücke und Steine sind noch heute Zeugen vergangener Herrlichkeit.

Das furchtbare Ereignis aber erhielt sich noch lange im Gedächtnis der umliegenden Bewohner, und wenn sie ihre Kinder vor Stolz und Übermut warnen wollten, so erzählten sie ihnen von dem übermütigen Grafen vom Bornberge und seinem tragischen Ende.

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