Die Sage von der Rhumequelle.
Woher die Rhume ihren Namen hat.

Die Nymphe Ruma

nach Carl Ludwig Hellrung

von Karl Wüstefeld und Heinrich Leineweber nacherzählt.

In grauer Vorzeit herrschte über die Quellen, Flüsse und Teiche die jungfräuliche Königin Holda oder Hulda. Ihren Hofstaat bildeten die Nymphen, Feen und Nixen. Nach dem die Göttin Hulda, ihr nasses Reich Jahrtausendelang vom Göttersitz aus regiert hatte, wandelte sie mit einem Male die Lust an, ihren Herrschersitz auf die Erde zu verlegen. Ihren Palast wollte sie in der größten und schönsten Quelle der Erde erbauen, und damit diese ausfindig gemacht werde, sandte sie alle ihre Schwestern, die genannten Nymphen, mit der Weisung auf die Erde, hier die entsprechende Quelle aufzusuchen.

Und hinab zur Erde schwirrten die leichten Himmelstöchter, den Willen der Gebieterin zu erfüllen.

Nach der Rückkehr berichteten sie übereinstimmend, daß keine Quelle auf der Erde zum Göttersitze geeignet sei, selbst die Quellen des großen Rheines, der Donau, der Elbe und der Wolga nicht; die Königin möge lieber in einem dieser Ströme Wohnung nehmen, die manche lauschig schöne Plätze besäßen.

"Unter keiner Bedingung", gab aber die Königin zur Antwort, "darf sich unsere Jungfräulichkeit in einem trüben Flusse baden; es ist dies gegen die Sitte unseres Geschlechts, gegen die Ansprüche einer Königin. Wo erst Menschen gehauset haben, dürfen wir keine Gemeinschaft durch das Element anknüpfen. Göttliches kann sich nur dem Göttlichen oder dem Ursprung irdischer Verhältnisse nähern. Forschet also nochmals, und vorzüglich in dem Lande, wo Teuter stand, und das man Cheruskien nennt; vielleicht findet sich dort eine großartige Quelle, die unseren Wünschen entspricht."

"Aber", fiel da eine der Nymphen ein, "in diesem Lande, über das ich meine Fahrt nahm, gibt es nur Wald und Gebirge, in denen es so rauh und kalt ist; nirgends sah ich offene, große Flüsse."

"Laß dich, liebes Kind", entgegnete die Göttin, "nicht täuschen und bestechen von der Großartigkeit der Flüsse; sie verdanken ihre Größe bloß den Begünstigungen und Schwächen anderer, stammen nicht selten aus kleinlichen Verhältnissen, wissen sich aber mit der Zeit mächtig zu machen. So wird es auch mit den Fürst endergehen. Große tapfere Ahnherren hinter lassen nicht immer ihren mächtigen Arm, ihr Gut in späteren Jahren zu schützen, unterdeß zieht die Klugheit eines minder Mächtigen Vorteile; und so wird es bei allem Vergänglichen zu allen Zeiten sich gestalten. Gehet nur und suchet, liebe Kinder!"

Und die Nymphen eilten abermals zur Erde nieder und durchzogen das Harzgebiet nach allen Richtungen. Sie fanden jedoch die Quellen ohne Ausnahme als zu gering.

Schon wollte Hulda sagen: "Nun, dann muß ich an geeignetem Orte selbst eine Quelle ins Dasein rufen, wie ich sie wünsche!" als plötzlich die letzte der ausgesandten Nymphen mit freudestrahlenden Augen zurück kam und also berichtete:

"Große Gebieterin! Am südlichen Fuße des Harzgebirges, zwischen Hügeln, die von großen Eichen und Buchen beschattet, zugleich Moos- und Wiesenmatten an ihren Abdachungen zeigen, liegt eine Quelle versteckt, welche allen Ansprüchen für den Göttersitz genügt. Krystallhelle Durchsichtigkeit, erquickende Frische, reiner Geschmack und ein außerordentlich starker Erguß sind die Vorzüge dieser Quelle, welche ich zu ihrem Ruhme hervorheben darf. Der sie umgebende reizende Wald ladet zu Spielen und Lustbarkeiten ein. In der Mitte der Quelle bauen wir einen Granitpalast, fassen ihre Ränder, in dem wir sie erweitern, mit Marmor ein, pflastern mit diesem Gestein des Beckens Grund, umziehen die schöne Umgebung mit einer hohen Alabastermauer und nehmen in diesen herrlichen Waldgarten eine Anzahl der schönsten, edelsten, aber friedliebenden Tiere auf."

Hocherfreut segelte die Königin mit ihrem Hofe zur Erde nach der bezeichneten Stelle. Sie fand der Nymphe Bericht in allen Stücken bestätigt und sprach: "Dein Name, geliebte Ruma, soll hierdurch Götterwort verewigt werden; die Quelle, so du fandest, heiße fortan Rhumesprung, zum Ruhme der Gottheit, die sich hier niederläßt, zum Ruhme Allvaters, der sie schuf, zum Ruhme ihrer Bedeutsamkeit!"

Sofort wurde der Göttin Wille zur Wirklichkeit. Es erhob sich auf ihren Wink aus des Kessels Mitte ein krystallener Palast, der zur Hälfte unter Wasserstand. darin ergossen sich drei große Quellen; durch die Bogenöffnungen strömte die Flut von zweien heraus in das erweiterte Marmorbecken und von da durch ein weites Bett unter der Alabastermauer fort in Freie. Auf dem Wasserstockwerk bildete sich ein zweites mit glänzenden Zimmern, wie sie für den nicht zahlreichen Hof während des hiesigen Aufenthalts erforderlich waren. Die mittlere Quelle ward durch eine Röhre über das Dach geführt. Sie verteilte in angemessener Höhe ihren krystallenen Inhalt zu einer nach allen Seiten gleich förmigen Wölbung, so daß man auf dem Altan wie unter einem geöffneten Schirm, unter einem gleichmäßigen Wassermantel trocken sitzen konnte.

Von diesem Palast aus beherrschte Hulda ihr Reich und verteilte unter ihre Nymphen, Feen und Nixen die Statthalterschaft über die Quellen und Flüsse der Welt. Ruma, die Lieblingsnymphe, ward für ewige Zeiten Statthalterin des Rhumesprungs.

Als endlich das Kreuz, welches St. Bonifatius den Sassen brachte, auch in diesem sassischen Landesteile aufgepflanzt wurde, zerfiel das Reich der Göttin Hulda; ihr Name lebt in Teutschland fort, nachdem sie zu ihrem Ursprunge zurückgekehrt, während die Nymphen ihres Hofstaates entlassen wurden. Letztere sollen sich zumeist nach Duderstadt gewendet und da selbst verheiratet haben, woher es kommen mag, daß diese Stadt heutzutage noch so viele hübsche Mädchen hat.

Ruma wollte indes ihr Gebiet nicht verlassen.; auf ihren Wunsch wurde sie von der Göttin in eine Silberforelle verwandelt, und wer die rechte fängt, wird einst Herr von Rhumesprung und seines Gebietes werden.

Der Palast liegt in Trümmern in der Tiefe des Kessels; von der marmornen und alabasternen Umzäunung erblickt man zuweilen noch Spuren.

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