Die Sage von Romar und Ruma

nach Carl Duval

Da, wo jetzt an der Südseite des Harzes die Felsenzacken des Romarsteins emporstarren, hauste vor Zeiten ein mächtiges Riesengeschlecht, das mit den benachbarten Berggeistern in beständiger Fehde lebte.

Romar, ein schöner zu jenem Riesengeschlecht gehörender Jüngling, durchzog einst den Wald, um einen Hirsch oder Eber zu erlegen. Die milde Frühlingsluft umfächelte lind die glühen den Wangen des kräftigen Jünglings, die Vögel sangen ihre fröhlichsten Weisen in den dichten Gebüschen, die frischen Waldblumen verhauchten süßen Duft, und von sanften Gefühlen bewegt schritt Romar langsam und träumerisch unter den säuselnden, flüsternden Bäumen dahin.

Plötzlich hemmte er seinen Fuß, denn er stand vor einer wunderholden Mädchengestalt, welche von den Armen des süßesten Schlafes umfangen im schwellenden Moose lag.

Schöne Träume mußten das Haupt der Schlummernden umschweben, denn sie lächelte so zauberisch, daß Romar bewundernd still stand und seine Augen von dem schlafenden Mädchen nicht wegzuwenden vermochte. Süße ihm bisher ganz fremde Gedanken und Empfindung enerwachten in seiner Brust, und er blieb solange unbeweglich in tiefes Anschauen versunken stehen, bis die holde Schlafende sich zu regen begann, die Glieder bewegte und die Augen aufschlug.

Als die Unbekannte die hohe fremde Männergestalt vor sich erblickte, stieß sie einen Schrei des Entsetzens aus, sprang empor und floh wie ein verscheuchtes Reh in das tiefste Dickicht des Waldes hinein.

Romar war von dem Blicke, den ihm die Fliehende zu geworfen hatte, eine Weile wie vom Blitze getroffen und konnte kein Glied bewegen, doch bald kehrte ihm die Besinnung zurück, und wie ein Sturmwind eilte er der Flüchtigen nach.

Es gelang ihm auch bald, das zitternde Mädchen, dem sich die Angst wie Blei an die Fersen hing, einzuholen und mit kräftigem Arm zu umfassen.

Die Gefangene schluchzte laut und hielt sich für verloren, doch Romar sprach so freundlich und herzlich zu ihr ein, daß sie endlich Vertauen faßte und mit Augen den Worten des Jünglings lauschte, ja, von seiner fesselnden Rede und seiner schönen Gestalt angezogen mit dem Versprechen schied, daß sie seiner am andern Tage an der selben Stelle, an der sie sich zum ersten Male gefunden, harren wolle.

Romar und die schöne Unbekannte sahen sich fort an sehr häufig und erklärten einander bald ihre innigste Liebe. Täglich kamen sie auf einem stillen, heimlichen Waldplätzchen zusammen und der Jüngling frug nun nach der Herkunft der Geliebten, erschrak aber nicht wenig, als ihm die Geliebte gestand, daß ihr Vater der dem Riesengeschlecht feindlich gesinnte Berggeist, und sie selbst eine Nixe sei, die dem naheliegenden Teich bewohne, und daß sie Ruma heiße.

"Wehe", rief Romar aus, "wehe uns, denn wir werden unglücklich sein, denn dein Vater, welcher mich und meinen Stamm haßt, wird nie zu einer Verbindung mit mir seine Einwilligung geben!"

Ruma wandte Alles an, um den trostlosen Geliebten zu beruhigen. "Ich bin", sagte sie, "das Lieblingskind meines Vaters. Er hat mir noch nie einen Wunsch abgeschlagen, und wird gewiß, wenn ich ihn recht herzlich darum bitte, seine Zustimmung zu unserer Vereinigung nicht versagen."

Durch diese und ähnliche Reden, durch die Versicherung der ewigen Treue, besonders aber durch die Liebkosungen, mit denen sie ihre Worte begleitete, wurde Romar wieder einigermaßen beruhigt, und als der Berggeist auf längere Zeit in ferne Gegenden gezogen war, schlossen die beiden Liebenden den ewigen Bund auf Leben und Tod mit einander.

Sommer und Herbst schwanden dahin, auch der trübe Winter zog mit seinen Schnee- und Regentagen vorüber und der Lenz kam wieder mit seinem frischen Grün, mit den Gesängen munterer Vogelscharen und mit seinem bunt phantastischen Blumenschmucke. Was in Kluft und Höhle verborgen gelegen hatte, kam hervor und labte sich an der milden erquickenden Frühlingsluft.

Auch Romar war mit seiner Gattin, welche bereits einen holden Knaben auf dem Arm trug, auf die Berge gestiegen und beide ruhten eben im Schatten eines breitästigen Baumes, als plötzlich der eben aus der Ferne zurückgekehrte Vater der Ruma hinter dem Gebüsch hervortrat, ob des unerwarteten Anblicks, der sich ihm darbot, vor Schrecken bleich stehen blieb, und dumpfe Zornesworte gegen den vermeintlichen Verführer seiner Tochter ausstieß.

Ruma erschrak zwar anfänglich nicht wenig, als sie ihren Vater, den sie noch weit entfernt wähnte, so plötzlich mit zornbleichem Antlitze vor sich stehen sah, doch sammelte sie sich so gut es ging, eilte zu ihrem Vater hin und suchte durch die schmeichelndsten Worte seine Verzeihung zu erflehen. Mit ihr vereinigte auch Romar seine Bitten und reichte dem Berggeiste freundlich die Hand zur Versöhnung dar; doch dieser wollte nichts von einer friedlichen Vereinigung wissen, sondern rief wutentbrannt eine Schar von Berggeistern herbei, welche seine Tochter samt ihrem Kinde ergreifen und davon führen mußte, während andere Berggeister den wütenden Romar umringten und so in die Enge trieben, daß sich derselbe, aus unzähligen Wunden blutend, kaum bis zu den Toren der Riesenveste zu schleppen vermochte.

Von Stund an zogen nur traurige Tage an der unglücklichen Ruma vorüber, denn fast stündlich war sie von ihrem Vater gedrängt, sich von dem ihm verhaßten Romar gänzlich los zusagen; da sie aber standhaft in ihrer Liebe zu ihrem Gatten verharrte, ergriff er endlich, von Ingrimm übermannt, das schuldlose Kind, zerschmetterte es am Felsen, fluchte dem Geschick, das ihm, wegen der geistigen Natur seiner Tochter, nicht gestattete, mit ihr ein Gleiches zu tun, schuf eine Höhle, bannte seine Tochter hinein und ging, ein Hohngelächter gegen den von der Riesenburg herabspähenden Romar ausstoßend, von dannen.

In der dunklen Höhle, deren Eingang von tückischen Berggeistern bewacht wurde, saß die unglückliche Ruma lange Zeit. Oft gab sie sich Mühe, aus ihrem Gefängnisse zu entschlüpfen, und eine Reihe noch vorhandener tiefer Erdfälle bezeichnet die gewaltigen Anstrengungen, welche sie machte, um zu ihrem geliebten Romar zu gelangen, aber die selben entgingen dem wachsamen Vater nicht, der dann jedesmal sogleich mit zürnenden Toben herbeieilte und die ungehorsame Tochter in die Tiefe der Erde zurückschmetterte.

Nach langen Jahren gelang es der Gefangen enendlich, auf unterirdischen Pfaden den Grenzen des väterlichen Gebietes zu entrinnen, als vollendeter Strom zu Tage zu springen und mit dem treuen Gatten traulich wie sonst zu kosen.

Das Volk aber hat dem schönen Strome den Namen der treu liebenden Nixe gegeben und ihn "Ruma" genannt, welche Benennung er heute noch führt.

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