Erzählung:

Propst Cölestin Zander, gebürtig aus Rhumspringe
und der letzte Abt des Klosters Zella.

Die Letzten vom Kloster Zella

von Johannes Feldmann

Stille, kalte Winternacht! Engelflügel rauschen leise über weite, weiße Täler. Glöcklein läuten in den Dörfern um Mitternacht! Weihnacht 1849.

Schnee über Schnee, von der hohen Struht über den Annaberg gen Kloster Zella hinunter nach Lengenfeld, Faulungen, überall! Schweigend starren die altersgrauen Klostergebäude, ragt der Turm des Kirchleins ins Ungewisse, Neue, stellt tausend Fragen, ungelöste Rätsel der Zeit!

Eine Kuh brummt, ein Pferd scharrt im Stall, unmutig flucht ein im Schlafe gestörter Knecht. Die Gutsherrschaft und Knechte und Mägde, sie verschlafen die langen Nächte. Nur im Seitenflügel glüht noch Kerzenschein durch die Butzenscheiben der kleinen Zelle.

Im altersschwachen Lehnstuhl kauert eine Gestalt im schwarzen Benediktinergewande, in sich zusammengeschrumpft, mit spärlichem Silberhaar auf dem winzigen Kopfe. In pergamentnen Knochenhänden das Brevier mit bunten Initialen. Ist es ein Mensch, oder Schatten, oder Geist aus alter Vorzeit? Doch die alten Augenleben, tief liegende Augen, die über Buch und Wände weit in die Vergangenheit irren. Die Lippen, dünn und fleischlos, bewegen sich im Flüsterhauche.
"Gott, wie hast Du uns heimgesucht! Deine Gerichte walteten über uns und zerschmetterten unsere Gemeinschaft, Deiner Ehre geweiht! Vertrieben die Dienerinnen des Heiligtums, das Chorgebet verhallt! 45 Jahre währt nun schon dieses Dasein, seit dem das letzte Nocturno der Benediktinerinnen Weihnachten 1802 hier gehalten wurde! Doch Dein Wille geschehe!"

Einen Augenblick hält er im Selbstgespräch inne. Zu schmerzlich packt ihn die Erinnerung. Plötzlich ermahnt er sich zu einem Entschlusse. "Bruder Gottfried!" Hohl klingt der Ruf in die Nebenkammer.

"Ich komme, Herr Propst!" hallt es ebenso dumpf zurück.

Eine ebenfalls schwarz gekleidete Gestalt humpelt an einem Stocke herbei, alt und gebrechlich, Runzeln im gelblich hageren Gesicht. "Sie wünschen, Herr Propst?" "Wir müssen Weihnacht feiern, Bruder! Es ist gleich Mitternacht. Sacrificate sacrificium justitiae! Bringt das Opfer der Gerechtigkeit dar!" "Jetzt in der Kirche?" entsetzt sich der Laienbruder. "Sie wollen im 92. Jahr jetzt Messe zelebrieren?" Er hebt beschwörend die Hände empor. "Es wäre Ihr Tod, Herr Propst!" "Ich will!" Mühsam und zitternd erhebt er sich. Bruder Gottfried kennt noch klösterlichen Gehorsam. Stumm richtet er Laterne, Hostie und Meßkännchen zurecht, holt den Mantel, breitet ihn seinem Herrn über die Schultern und stützt den Propst, so gut er kann.

So humpeln die beiden durch den Schnee zur Kirche. Drinnen ist es kalt und unwirtlich. Der Altar ist staubig. Spinngewebe hängen hie und da vom Balken. Bruder Gottfried geleitet den Propst zu einem steinernen Sitz in der Mauer. Dort haben ehedem Fürsten und Erzbischöfe gesessen und dem Chorgesang der Benediktinerinnen gelauscht, wenn er das Hochamt feierte. Das ist nun alles vorüber.
Kerzenflammen auf. Zittrig, wie sie Bruder Gottfried ins Leben rief, flackern sie weiter. Die Lade, die der Holzwurm bald vernichtet haben wird, gibt das letzte schäbige Meß gewand her, an dem der Goldbrokat verblaßt ist und teilweise schon in Fetzen herabhängt. Ein schmerzlicher Seufzer! Dann wimmert das Glöcklein ein paar abgebrochene Laute ohne Klang. Die Seele ist ihm gebrochen. Der Steinwurf eines verrohten Knechtes traf es zu hart. Kraftlos entsinkt Bruder Gottfried der Strick.

Die Messe beginnt. Die beiden Schemen davorne sind die einzigen lebenden Überbleibsel vergangener Jahrhunderte. Hohl und beängstigend kriecht das Stufengebet durch die Hallen. Aus allen Ecken und Winkeln scheint es zu antworten. Stehen die Geister der Nonnen und Stiftsherren wieder auf? Gespenstisch huschen Schatten im Kerzenschein. Dazwischen kriecht es und schnauft es und stöhnt es und strauchelt es da oben am Altare. Vor der Wandlung muß der Propst ein wenig ruhen. 92 Jahre bald und diese Kälte! Nachher geht es wieder langsam. Nach dem Schlußgebet wendet sich Propst Zander zu der unsichtbaren Gemeinde um. Wie in Ekstase leuchten seine Augen, ohne Ziel, weit, weit in überirdische Fernen schaut er. Und dann hebt sich die eingefallene Brust, die Schultern zucken, und mit dem Aufgebot der letzten Kräfte singt er mit dünner Stimme das letzte: "Ite missa est! Gehet, die Messe ist beendet!" Vollbracht die letzte Messe! - segnet mit schwacher, erstarrter Hand den Bruder und bricht zusammen.

Da liegt er, den Kopf erhöht auf den Altarstufen, den brechenden Blick nach oben gewandt. Leise flüstern die blassen Lippen: "In deine Hände empfehle ich meinen Geist! Du hast mich erlöst, o Gott der Wahrheit!" und zum dienenden Bruder gewandt haucht er: "Laß mich hier sterben! Geh, läute die Sterbeglocke!"

Bruder Gottfried schlurft, selbst schon halb tot, zum Glockentau. Wie ihn das Weinen schüttelt, so erschüttert es auch die geborstene Glocke da oben mit wehem Klang!

Mittlerweile ist der Propst sanft entschlafen. Der getreue Bruder drückt ihm weinend die Augen zu, kauert sich an der Leiche nieder und betet die Totenpsalmen, so gut sie ihm sein schwacher Geist eingibt und es die rollenden Tränen gestatten ..., eine Stunde ..., zwei ..., drei ...!

Dann wird es allmählich still in der Kirche. Die Lichter erlöschen nacheinander. Nur eins noch schwalcht und flackert und beleuchtet zwei einsame friedliche Tote ..., den letzten Propst von Kloster Zella und den getreuen Bruder Gottfried.

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